Notizen einer Verlorenen

Sarahs Jugendtagebuch

Sarahs Jugendtagebuch enthält Texte, die man im Buch nicht findet. Es ist ein Bonus für alle Neugierigen, die wissen wollen, wie es Sarah früher ergangen ist:

 Das Tagebuch:

… maSarahs Jugend Tagebuchn fand es unter ihrem Sofa. Es ist ein bisschen muffig inzwischen und winzige Staubläuse verschwinden beim Lesen zwischen den Seiten. Sarah war sechzehn, als sie darin schrieb …

 

 

Erster Teil

15.8.1994

Ich bin Sarah. Ich muss es mir immer wieder sagen. ICH BIN SARAH! Aber egal, wie oft ich es wiederhole, ich bin nicht mehr dieselbe, die heute Morgen aus dem Haus ging. Ich habe mich verändert, hab meine Kindheit in einem anderen Haus gelassen. Bei einem Mann, den ich heute Morgen noch nicht kannte. Er heißt Manuel.

Er sagt, er sei jetzt mein Freund und will mich morgen von der Schule abholen. Wirklich gut fühle ich mich nicht und ich frage mich, ob Sex immer wehtut. Ob es gut war, gleich am ersten Tag mit ihm zu schlafen. Ich hatte mir körperliche Liebe als etwas Wunderschönes vorgestellt, etwas, was einem Schmetterlinge in den Bauch pflanzt und nicht das Gefühl, als stünde man ganz dicht an einem tiefen Abgrund und wüsste, dass man gleich heruntergestoßen wird. Ich fühle mich mehr schmutzig, statt geliebt. Dreimal habe ich versucht, das Gefühl abzuduschen, doch es lässt sich nicht abwaschen.

Meine Mutter ruft zum Abendessen. Hoffentlich merken sie nichts. Ich muss was Langärmliges überziehen – meine Handgelenke haben blaue Flecken.

0.47 Uhr

Ich kann nicht schlafen. Liege hier seit Stunden wach und wälze mich. Was soll ich machen? Es wird nie wieder so einfach sein, ’nein‘ zu dieser Beziehung zu sagen. Es ist eine Beziehung, die mich anspringt und ich ahne, dass sie mich erwürgen könnte. Der Nachmittag mit Manuel war aufregend. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll – es war eine Mischung aus schönen, leidenschaftlichen Gefühlen und …Angst. Schön, weil er mich mit Küssen übersäte. Noch nie hat jemand meine Haut so zärtlich berührt, noch nie hat mich jemand derart leidenschaftlich an sich gerissen. Doch sein Verlangen erlangte Auswüchse, die mir Angst machten.

Ich lernte ihn in einem Taxi kennen. Nach meinem katastrophalen Bewerbungsgespräch bei diesem Versicherungsunternehmen heute Morgen. „Sie hören von uns … blablabla…“, man kennt das ja. Es war die achtzehnte erfolglose Bewerbung, glaube ich, und mir wurde klar, dass ich niemals von dieser Schule wegkommen würde. Heulend lief ich durch die Innenstadt, wo alle anderen Menschen vergnügt ihr Leben genossen. Nur mich hatte das Leben ganz einfach vergessen. Nachdem ich dann den Bus verpasst hatte und mir im Laufen auch noch einen Fuß umknickte, nahm ich mir mit dem Notfall-Geld von meiner Mutter ein Taxi. Es war purer Zufall, dass ich darin saß, als er die Tür aufriss und sagte: „Es macht Ihnen doch nichts aus, schöne Frau!“ Gleich darauf saß er neben mir und gab dem Fahrer Anweisung einen bestimmten Weg zu fahren, weil er noch irgendwo etwas abgeben musste. Den Umweg hat er mir später bezahlt.

Tja – und da saß ich, mit einem hochroten Kopf und Herzklopfen bis zum Hals. Er blickte mich unentwegt an, und wenn ich es wagte, hinzusehen, lächelte er so nett mit seinen blauen Augen, dass ich irgendwann zurücklächelte. Sein Haar ist fast schwarz und ein bisschen gelockt. An seinem Kinn wächst ein Dreitagebart und sein Hemd roch im Taxi nach einem Rasierwasser. Nach seinem Umweg ging er mit mir ins ‚Casal‘. Seltsam, dass ich keine Angst hatte, mit ihm mitzugehen. Aber ich dachte, in meinem heiß geliebten Eisladen seit meiner Kindheit kann mir nichts passieren. Dort spendierte er mir einen Krokant-Becher. Ich kann jetzt noch kaum glauben, dass sich dieser Mann für mich interessiert, ausgerechnet für mich! Und Manuel sagte mir lauter süße Sachen über mein Aussehen und, dass er mich so natürlich findet.

Schließlich stellten wir fest, dass er ganz in der Nähe wohnt: in der Breslauer Straße. Da ging ich mit ihm mit. Ich weiß nicht, warum ich das heute so gemacht habe. Ich bin einfach mitgegangen. Ich glaube, ich habe mich von Anfang an in ihn verliebt und einfach mal was gewagt. Im Hausflur küsste er mich so sanft, dass ich mich kaum von seinen Lippen lösen wollte. Aber, als er mir zwischen die Beine fasste, hab ich mich richtig erschreckt. Er merkte das wohl und nahm meinen Kopf in seine großen Hände und küsste mich wieder. Bei ihm zuhause schloss er hinter uns ab. Es war das erste Mal für mich und ich kann weder sagen, dass es mir gefiel, noch dass es mir nicht gefiel. Das hört sich jetzt seltsam an, aber …naja, ich wollte es tun – aber nicht so … nicht so grob.

 Und nun liege ich bereits seit Ewigkeiten wach im Bett, bin hin und her gerissen und überlege, was ich machen soll, wenn er mich wirklich morgen von der Schule abholt. Kein Zweifel, die Barbies aus meiner Klasse würden Augen machen. Schon allein, weil ich noch nie einen richtigen Freund hatte. Und Manuel ist schon zehn Jahre älter, als ich. Da können sie ihre milchgesichtigen Boyfriends verstecken!

Irgendwie befinde ich mich an der Tür zu einem komplett anderen Leben – zu einem aufregenden Leben. Das Zimmer meiner Kindheit muss ich sowieso bald verlassen. So, wie es jetzt ist, kann es ja nicht bleiben. Es engt mich ein! Dieses Haus, diese Eltern … ich muss raus hier, mein Leben selbst erkunden. Diese Glocke aus Bevormundung nimmt mir die Luft zum Atmen. Im Grunde habe ich ja heute den ersten Schritt in mein neues Leben längst getan. Es wäre doch engstirnig, diese ersten Schritte mit den Moralvorstellungen meiner Eltern zu belasten, oder? „Hey, Mädchen – sei locker“, hat er gesagt. Seinen heißen Atem spüre ich jetzt noch an meinem Ohr, während er den Gürtel um meine Handgelenke immer enger zog. „Es ist nicht schlimm, wenn es ein bisschen wehtut, du wirst sehen… dir gefällt es doch … manchmal muss man was Neues ausprobieren.“ Und ich stöhnte. Weil es aufregend war, weil er mich dabei immerzu küsste. Mein Geist konnte einfach nicht ’nein‘ sagen, weil mein Körper es so wollte. Danach habe ich mich geschämt, weil ich gestöhnt habe. Aber er war ganz locker. Für ihn war es ganz natürlich. ‚Locker sein‘ – das muss ich wohl noch lernen.

 16.8.1994

Manuel hat mich von der Schule abgeholt. Wirklich! Heute Morgen dachte ich noch, es wäre nicht schlimm, wenn er nicht käme. Aber dann stand er mit dem Cabrio vor dem Schulhof und lächelte mir entgegen. Die anderen haben vielleicht geguckt! Besonders Katrin, diese Tussi! Während ich zu ihm ins Auto stieg, fühlte ich förmlich die Stiche aus ihren Augen im Rücken. Mensch, war ich stolz. Mir können die nichts mehr erzählen, von dem ich nicht mitreden könnte.

Wir waren in der Stadt bummeln und Eis essen. Das war soo schön. Arm in Arm. Endlich musste ich mal nicht alleine und einsam die Kettwiger entlang laufen. Ich hätte es den ganzen Tag genießen können, lehnte meinen Kopf an seine starke Schulter und roch den Hauch seines Rasierwassers, den seine warme Haut vom Kinn verströmte. Aber dann wollte er noch zu sich nach Hause. Und dann, naja … er konnte wieder nicht abwarten, bis er seine Tür aufgeschlossen hatte, und fummelte bereits vor der Tür an meiner Hose. „Was ist denn?!“, fragte er gereizt, weil ich mich wand. Mir war das unangenehm. Wenn jetzt jemand durch den Hausflur gekommen wäre. Er schloss schließlich doch auf. Weiter, als bis zum Garderobenständer kamen wir nicht.

Danach lagen wir auf dem Sofa herum und Manuel drehte sich eine Zigarette, die ziemlich seltsam roch. Er schlief ein und ich legte meinen Kopf wieder auf seine Schulter, ganz lange und ich genoss es. Bevor ich ging, weckte ich ihn, um ihm einen Kuss zu geben.

17.8.1994

Er hat mich heute wieder abgeholt. „Zum Eis essen“, sagte er. Heute wollte er nach dem Eisessen noch einkaufen. Bei Karstadt hat er mir dann schöne Wäsche gekauft. Da gab es zwischen lauter Oma-Schlüpfern, einen Ständer mit so Sachen, die ich mir alleine niemals gekauft hätte. Ich musste sie ihm in der Umkleidekabine vorführen. Das fand er dann so aufregend, dass – Mann, war ich froh, dass keine Verkäuferin kam! Ich wollte das gar nicht und meckerte ein bisschen. Er flüsterte, dass er mich zu sehr liebt, um so lange auf mich zu warten. Als dann tatsächlich die Verkäuferin kam, meinte er nur ganz lässig: „Das nehmen wir alles.“ Hihi, das war bestimmt so eine altmodische Tussi. Sie hat kassiert und mir einen ganz abfälligen Blick zugeworfen. Manuel fand das nicht schlimm. „Die ist bestimmt frigide“, meinte er. Er hasst frigide Weiber. Und er findet es klasse, dass ich nicht so verklemmt bin. Wir waren dann noch bei ihm und ich musste alle Sachen noch einmal vorführen.

Ich gebe zu, heute hat es mir wirklich Spaß gemacht, ein bisschen frech zu sein. Irgendwie hatte ich das Gefühl, auf alle alten Spießer dieser Welt herabzublicken. Manuel hat recht: Warum so verkrampft? Wichtig ist einzig und allein, dass wir uns lieben. Und merke ich spätestens, wenn wir uns in den Armen liegen.

20.8.1994

Irgendwann muss ich meinen Eltern wohl beibringen, dass ich einen Freund habe. Manuel findet es keine so tolle Idee. Komisch, da scheint er tatsächlich schüchtern zu sein. Aber meine Mutter hat schon gefragt, warum ich nach der Schule so spät nach Hause komme. „Ich kann ja wohl mal einen Bummel durch die Stadt machen, ohne mich rechtfertigen zu müssen!“, habe ich ihr zugeschrien.

21.8.1994

Morgen will ich mal Sylvia fragen, ob ich meiner Mutter sagen darf, dass ich nachmittags zu ihr gehe. Sie ist meine einzige Freundin und ich glaube, mit ihr kann ich über Manuel sprechen. Sie hat es sowieso längst mitbekommen, weil sie in der selben Straße wohnt, wie er und sein Auto vor der Schule ist ihr auch nicht entgangen.

22.8.1994

Heute waren wir im Kino. Mitten am Tag. Ich wunderte mich schon, was das denn für ein Film sein sollte. Ich hatte keinen Bock auf einen Kinderfilm. Aber das war dann so ein unanständiger Film, in dem … da saßen außer uns noch zwei Männer drin. Mir war das richtig peinlich, überhaupt hinzusehen. Diese ganzen Nahaufnahmen! Manuel fand es natürlich richtig geil.Also am liebsten hätte er gleich dort… Ich hab dann gleich gesagt, dass mein Vater mich heute um drei Uhr erwartet, weil er mit mir weg wollte. Da wurde er richtig sauer und ist mit mir raus. Was ich mir dabei dächte, meinte er. Ob ich je erwachsen werden wollte. Was er von frigiden Weibern hält, hätte er mir ja gesagt.

Ich war total fertig. Bin es jetzt noch. Mein Gott, wie konnten meine Eltern mich so unvorbereitet ins Leben schicken?! Ich weiß überhaupt nicht, was richtig ist, und was nicht.

24.8.1994

Hab gestern mit Sylvia gesprochen. Natürlich hatte sie schon mitbekommen, dass ich an ihrem Haus vorbei zu Manuel ging. Sie war total neugierig auf meine Geschichte mit dem Taxi. Was ich ihr verschwiegen habe, ist die Sache mit dem Gürtel um meine Handgelenke. Auch, dass er so launisch ist, wenn ich mal nicht bereit für alles bin, habe ich weggeleassen. Sie hat mir versprochen, meinen Eltern ncihts zu sagen. Und wenn sie fragen, wird sie sagen, dass ich bei ihr war. Sylvia ist eine echte Freundin. Meine Bedenken gegen diese Beziehung versteht sie aber nicht. „Sei doch froh, dass du einen Freund hast“, sagt sie. „Natürlich wollen Männer auch ‚das Eine‘.

26.8.1994

Manuel hat mir heute Blumen mitgebracht! Rote Rosen!! Ich bin sooo glücklich. Ich will ihn nie wieder enttäuschen.

8.11.1994

Hab jetzt länger nicht hier hinein geschrieben. Mir geht es gerade nicht so gut. In der Schule gibt es Ärger und dadurch auch bei mir zuhause. Alles Mist! Meine Eltern wollen nun unbedingt wissen, wo ich meine Nachmittage verbringe. Dabei ist das kaum mehr ein Geheimnis. Ich glaube, das weiß inzwischen ganz Essen-Frohnhausen! Nur meine Eltern wissen nichts. Typisch. Wann interessierten sie sich schon mal wirklich für mein Leben.

Und Manuel – ich kann nicht sagen, dass ich glücklich mit ihm bin. Die meisten Nachmittage verbringen wir bei ihm. Dabei würde ich so gerne mal wieder Bummeln gehen. Aber er will lieber immer nur solche Filme ansehen. Und dann soll ich das genauso machen, wie die in den Filmen. Ich gebe ja zu, dass mich Manches davon anmacht, aber meistens finde ich es einfach nur ekelig. Und manchmal tut es auch richtig weh! ‚Nein‘ zu sagen, wage ich kaum. Denn dann kann Manuel richtig böse werden. Vor ein paar Tagen hat er mir so fest auf den Mund geschlagen, dass es blutete. Danach tat es ihm leid. Aber seitdem habe ich immer mehr Angst, er könnte ausrasten.

Meinen Eltern habe ich erzählt, ich wäre gegen den Schrank im Kinderzimmer gelaufen – und sie haben es geglaubt! Sie sehen noch nicht einmal einen Zusammenhang mit meinen Nachmittagen, die sie angeblich so interessieren. Wenn ich denen das erzählen würde – ich könnte dafür wetten, dass sie mich eine „Schlampe“ nennen würden. Manchmal, manchmal aber wünschte ich mir fast, sie würden es herausfinden und mich zwingen, Schluss zu machen. Ich weiß ja selbst nicht, was ich will. Oder doch?

Doch – ich will Liebe, echte Liebe! Meine Oma hat mir mal gesagt, Liebe ist, wenn man auch nach einem Schlaganfall noch geliebt wird, obwohl man dann vielleicht richtig hässlich aussieht. Wenn man nur noch schlürfend essen kann und dabei sabbert. Würde Manuel mich dann noch lieben?

Nein, nein, das würde er nicht. Er fand mich sogar jetzt schon hässlich, als ich diese dicke Lippe hatte, die er selbst verschuldet hat. DAS IST DOCH KEINE LIEBE!

26.11.1994

Er hat es wieder getan – nicht mich geschlagen, aber er hat mich so feste gegen die Wand des Wohnzimmers gedrückt, dass ich mir den Hinterkopf stieß und dann hat er mir ins Gesicht geschrien, ich solle machen, was er von mir verlangt. Ich bin weggelaufen, raus aus der Wohnung und aus dem Haus. Er kam hinter mir her gelaufen und warf mir einen Teil meiner Sachen hinterher. Alle Nachbarn in der Straße standen an den Fenstern. Ich habe mich so geschämt.

27.11.1994

Ich mach Schluss mit ihm. Ich kann nicht mehr und ich will nciht mehr. Wo ist der Manuel, der mir Rosen mitbrachte und zärtlich sein konnte?

28.11.1994

Gestern habe ich Schluss gemacht. Ich habe ihm gesagt, dass es das letzte Mal war, dass er mich geschlagen hat. Ich will das alles nicht mehr – die schmutzigen Nachmittage in seiner Wohnung, seine Wutanfälle, die Vorwürfe, das heimliche Getue vor meinen Eltern. Ich will es nicht mehr! Manuel hat nur gesagt: „Bitte – geh ruhig. Du kommst sowieso zurück!“

4.12.1994

Mein Leben ist so traurig. Ich bin so einsam, so allein gelassen. Manchmal wünschte ich mir, ich wäre noch ein kleines Kind, so wie damals, als ich meiner Mutter noch vertraut habe. Als ich keine Verantwortung hatte für mein eigenes Leben. Ich hatte keine anderen Sorgen, als die, dass ich abends keine Gummibärchen nach dem Zähneputzen essen durfte. Sich einfach nur in die Obhut eines Menschen begeben und sich fallen lassen. Wie gerne würde ich das jetzt tun. Aber ich habe niemanden.

5.12.1994

Ich vermisse ihn. Er hat mir so oft wehgetan. Aber ich vermisse ihn trotzdem.

6.12.1994

Ich wusste nicht, dass Sylvia so eine Ziege sein knn! Ich bin so wütend! Da treffe ich sie auf dem Schulweg und sie sagt mir geradewegs, dass sie nicht mehr mit mir verkehren will, weil ich eine Hure bin!! Eine Hure  – ich! Ich dachte, ich höre nicht richtig. Wie kann sie so etwas sagen? Weil ich eine von Manuels Schlampen sei! Sie wüsste genau, was für einer das sei und wieviel Geld ich bekäme, wenn ‚es‘ mit ihm triebe. „Manuel hat keine anderen Mädchen“, habe ich geschrien. Am liebsten hätte ich es ihr ins Gesicht gespuckt. „Und was wir in seinem Haus treiben, geht dich nichts an. Du würdest es sowieso nicht verstehen, du prüde Zicke!“ Das habe ich ihr gesagt und am liebsten gleich danach geheult. Sie hat sich umgedreht und ist gegangen. Im Gehen sagte sie noch: „Ich bin jedenfalls kein Flittchen.“

7.12.1994

Mir ist so schlecht. Ich traue mich kaum auf die Straße, weil ich Angst habe, dass unsere Nachbarn mich als Flittchen betiteln. Mein Gott, wenn das meine Mutter hört.

9.12.1994

Gestern war ich vor seinem Haus. Den gesamten Morgen über, anstatt zur Schule zu gehen. Ganz lange habe ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite in einem Hauseingang gewartet. Manchmal konnte ich seinen Schatten am Fenster erkennen. Es gab keine Mädchen, die bei ihm ein und ausgingen. Sylvia ist ein Lügnerin.

10.12.1994

Ob er mich vermisst? Ich vermisse ihn. Ich vermisse, dass mich jemand umarmt, sich in Leidenschaft nach mir verzerrt; dass jemand meine Haut streichelt, weil er jetzt ausgerechnet nach mir verlangt. Jetzt ist da so viel Leere. Nichts, was mich sonst erfreuen könnte. Meine Gedanken bleiben bei Manuel. Vielleicht wartet er schon auf mich … bestimmt denkt er an mich. Wenigstens ein bisschen. Das würde ich mir wünschen.

10.12.1994

Heute Morgen stand ich wieder in dem Hauseingang. Und dann sah ich ihn. Er kam zur Tür heraus, mit einem Einkaufsbeutel, blieb stehen, zog den Reißverschluss seiner Jacke höher. Wie gern wäre ich ihm entgegen gelaufen. Hätte in seine Augen gesehen, die Wärme seiner starken Arme gespürt. Er war ja nicht immer nur grob – er konnte auch soo zärtlich sein.

Gerade, als er in sein Auto einsteigen wollte, fiel sein Blick auf mich und mein Herz drohte zu bersten. Manuel kam näher. Ich freute mich und ich hatte Angst vor dem, was er nun sagen würde. Schnell wischte ich meine Tränen ab.

Was soll ich sagen? Er hat mich so lieb umarmt. Ganz  so, als hätte ich nie Schluss gemacht. Darüber verlor er nicht ein Wort. Wir gingen nach oben und haben uns versöhnt. Es tat so gut, wieder neben einander zu liegen. Und wir haben ganz viel geredet. Manuel hat mir versprochen, mich nie wieder zu schlagen. Er konnte nichts dafür – es ging ihm nicht so gut, deswegen fiel es ihm schwer, sich zu beherrschen. Aber jetzt, sagt er, weiß er genau, was er will – und das bin ICH! Wir fangen ein ganz neues Leben an. Bald ist Weihnachten, das Fest der Liebe. Und Liebe ist das, was wir beide wollen.

21.12.1994

Heute werde ich meinen Eltern sagen, dass wir beide zusammen sind. Ich möchte zu ihm ziehen. Denn nur so können wir uns richtig auf einander einstellen. Er macht einen Schrank in seinem Wohnzimmer für mich frei.. Ich bin aufgeregt.

2137 Uhr

Ich wusste, dass meine Eltern kein Verständnis für mich haben. Ich wusste es! Mein Vater hat ein riesen Theater gemacht. Im Grunde geht es doch gar nicht um den Auszug – sondern darum, dass ich einen Freund habe. Sie haben gegen alles etwas, was ich tue.

24.12.1994

Heute ist Heilig Abend und ich werde nicht bei meinen Eltern im Kerzenlicht sitzen. Ich werde nicht mit ihnen singen und keine Geschenke austauschen. Ich hätte nie gedacht, dass ich sie so schnell vermissen würde.

Manuel versteht das zwar nicht, aber er ist ganz lieb zu mir. „Du bist doch ausgezogen, weil deine Eltern kein Verständnis für dich haben, denke ich“, hat er gesagt. Nein, das versteht er nicht. Er hatte nie wirklich Eltern. Nur einen kleinen Cousinund einen Großvater, den er hasst. Sein Cousin ist noch klein und lebt in einem Heim, weit entfernt von hier. Manuel scheint ihn sehr zu lieben. Von seinen Eltern erzählt er nie etwas. Aber von diesem Großvater, der ihn oft geschlagen hat, wenn er betrunken war.

25.12.1994

Ich muss ganz oft an meine Eltern denken. Meine Mutter hat geweint, als ich zur Tür heraus wollte mit meiner riesigen Reisetasche. Eine Tasche, die sie mir selbst einmal geschenkt hat – für meine Sprachreise nach Malta. Ich hab alles hinein gestopft, was aus meinem Zimmer hinein ging – auch Teddy, der immer noch jede Nacht auf meiner Bettdecke schläft. Dann stand mein Vater an der Tür. Er sagte nichts, aber in seinen Augen konnte ich es glänzen sehen. Warum machen sie es mir nur so schwer …?

Manuel hat Kerzen engezündet und das Licht gedämmt. Auf dem Teller vor mir liegen Spekulatius und Pfeffernüsse. Der Weihrauch, den ich rieche, ist nichts weiter, als das gerauchte Gras, das Manuel aus seinem Mund bläst. Ich werde es heute zum ersten Mal probieren, obwohl ich weiß, dass es verkehrt ist. Eigentlich genau das, was mein Vater befürchtet hat. Ich werde es rauchen, um alles zu vergessen. Tut mir leid, Papa.

27.12.1994

Das war das trostloseste Weihnachten, das ich je erlebt habe. Das einzige Geschenk, das ich erhielt, waren Manuels Joints und seine feuchten Küsse. Wohl nicht das, was sich das Christkind für diesen Tag gewünscht hätte.

6.2.1995

Ich wohne jetzt schon über einen Monat bei Manuel.Zur Schule gehe ich nicht mehr. Nach den Weihnachtsferien bin ich einfach nicht mehr hingegangen. Was soll ich noch da? Die Lehrer verachten mich genauso, wie meine Mitschülerinnen es tun. Ich weiß nur nicht, was ich jetzt machen soll. Manuel meint, ich müsste langsam auch mal was für unseren Lebensunterhalt dabei steuern. Dabei weiß ich nicht mal genau, womit er sein Geld verdient. Ich glaube, ich will es gar nicht wissen. Wenn ich ihn mit diesen abgepackten Tüten sehe, wird mir ganz schlecht. Er sagt, was er macht, geht mich nichts an. Schließlich zahle er für mich mit.

Überhaupt ist er in letzter Zeit sehr gereizt. Seine Leidenschaft im Bett gleicht immer mehr einem Ventil für seine Aggressionen. Längst gibt es wieder blaue Flecken auf meiner Haut. Und das tut mir höllisch weh, nicht auf der Haut – nein, da spüre ich kaum noch etwas. Das ist etwas, was verheilt. Aber es schmerzt in meiner Seele. Er hatte mir versprochen, zärtlich zu sein. Er verspricht es jedesmal. Und dann vergisst er sich. Wie oft schon habe ich mich nach Hause zurückgesehnt. Wenn er mich schlägt, denke ich an meinen Teddy unter der Bettdecke. Zuhause – das ist nur ein paar Straßen weiter. Ich kann, wenn ich will, meine Mutter beim Bäcker einkaufen sehen. So nah… und doch so weit weg. Aber ich weiß genau: wenn ich Manuel verlasse, werde ich mich zu ihm zurück sehnen.

18.2.1995

Wir hatten wieder Streit wegen des Geldes. Das war so schlimm! Manuel ist ungerecht. Er sagt, ich fresse ihm die Lebensmittel weg und saufe sein Bier. Ich trinke überhaupt kein Bier! Ich mache schon den ganzen Haushalt, wasche seine Wäsche, putze hinter ihm her, räume hinter ihm her – auch seine vielen schmuddeligen Videokassetten. Aber das reicht ihm alles nicht. Ich soll Geld verdienen. „Womit denn?“, hab ich gefragt. „Wie wäre es mit dem, was du am besten kannst?“, antwortete er. „Was kann ich denn am besten? Ich denke, für dich mache ich alles verkehrt“, war meine Antwort. Meine Stimme klang schrill – ich merkte es selbst. Dann hat Manuel so schmutzig gegrinst und sein Becken vor und zurück geschoben!

„Ach ja, und wie sollte ich damit Geld verdienen?“, schrie ich und im selben Moment, da ich es aussprach, wurde mir bewusst, was er wirklich meinte. Ich sagte, dass das ja nciht sein Ernst sein könnte. Ich bin doch keine Hure!

Hure – sofort musste ich an Sylvias Worte denken. Hält mich inzwischen jeder für ein Straßenmädchen? Sogar Manuel? Was habe ich getan, dass er das denkt? Ich habe mich ihm immer gefügt, damit ich ihm gefalle, damit er mich nicht spießig findet oder frigide. Das habe ich alles nur für ihn getan. Auch, wenn es mir KEINEN Spaß macht, mich beim Sex wie vergewaltigt zu fühlen. Und es macht auch selten Spaß an Händen und Füßen gefesselt und jemandem ausgeliefert zu sein, der nicht immer so zärtlich ist, wie man sich das wünscht. Das alles nur, um ihn bei Laune zu halten. Damit er keinen Ausraster kriegt, immer in der Hoffnung auf ein Fünkchen Liebe danach.

Liebe – die wenigen zärtlichen Momente, die er mir schenkte – waren sie all das wert?

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