Notizen einer Verlorenen

Sarah

KopfBis zu meinem sechzehnten Lebensjahr war mein Leben ziemlich normal. Aber normal – was ist das schon? Eine Kindheit in einem Mietshaus in Essen, altmodische Eltern, gehässige Mitschülerinnen, Pickel – das Übliche eben. Die anderen Mädchen hatten schon alle einen Freund. Ich war das Mauerblümchen, das man damit aufziehen konnte.

Als ich dann Manuel kennenlernte, änderte sich alles. Manuel war ein richtiger Mann und er sah verdammt gut aus. Er war der erste Mensch männlichen Geschlechts, der sich für mich interessierte. Klingt gut, nicht wahr? Das war es aber nicht! Denn Manuel war ein richtiges Schwein! Doch das merkte ich zu spät. Er hat aus mir die „Schlampe“ unseres Viertels gemacht. Eine, mit der man nicht befreundet sein wollte, weil sie es mit „dem da“ trieb.

Viele Jahre später lernte ich Jens kennen. Den langen, schlaksigen Jens. Der hatte mindestens so viel an seiner Vergangenheit zu kauen, wie ich. Jens war auch nicht unbedingt ein Glücksgriff. Gemeinsam planten wir unseren Abschied von der Welt … und zogen es nie durch. Einer von uns kniff immer – meistens ich. Bis eines Tages …

Was ich dann erlebte, ist so unglaublich, dass ich manchmal meine, gleich aus einem Traum zu erwachen. Aber es war kein Traum, sondern bittere Realität. Jens‘ Tod, die Menschen, die ich kennenlernte und verlor … deren Leben ich nicht retten konnte … ich werde meine Erlebnisse in einem Notizbuch festhalten. Es sind die Notizen einer Verlorenen. Ich weiß nicht, ob es je gefunden wird und ob es je irgendjemand liest. Ich weiß nur, dass mein Leben verloren ist.

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